In guten wie in schweren Tagen | Eps10 StartUp 3 | Geetha Govindam (2018)

    „Doctor Who“: Frau Doctor kam, sah und eroberte die Herzen

    Eleganter Einstieg in neue Ära mit Jodie Whittaker

    "Doctor Who": Frau Doctor kam, sah und eroberte die Herzen – Eleganter Einstieg in neue Ära mit Jodie Whittaker – Bild: BBC One
    Die Doctor (Jodie Whittaker, M.) und ihre Begleiter in „The Woman Who Fell to Earth“: (v.r.) Yasmin Kahn (Mandip Gill), Ryan (Tosin Cole), Graham (Bradley Walsh, 2.v.r) und Grace (Sharon D. Clarke)

    Die Ära von Peter Capaldi ist zu Ende. Auch die Ära von Steven Moffat kam mit der zehnten Staffel von „Doctor Who“ zum Abschluss. Der Zeit des neue Showrunners Chris Chibnall und Jodie Whittaker als 13. Inkarnation des Timelords The Doctor hat begonnen. Das Team hatte sich zum Ziel gesetzt, damit auch für Neuzuschauer die Einstiegshöhe niedrig zu halten – und das ist ihnen auf sehr elegante Weise gelungen, während sie gleichzeitig alten „Who“-Fans im Staffelauftakt genug Berührungspunkte gaben, um nicht unterfordert zu werden.

    In der Folge „The Woman Who Fell to Earth“ ist es zunächst allerdings Ryan (Tosin Cole), der zu Boden fällt: Der junge Mann leidet unter einer dauerhaften Gleichgewichtsstörung, die dazu führt, dass er auch mit Anfang 20 noch nicht Fahrrad fahren kann. Von seiner Großmutter Grace (Sharon D. Clarke) ermutigt und von seinem Stief-Opa Graham (Bradley Walsh) leicht verspottet, versucht er es immer wieder – aus Gründen der Peinlichkeit und der Polsterung allerdings auf einer Wiese weit vor der Stadt. Auch heute will es ihm nicht gelingen, mehr als ein paar Schritte zu fahren, bevor er das Gleichgewicht verliert – so dass er kurzentschlossen und wutentbrannt sein Fahrrad von einem Hügel im Umland seiner Heimatstadt Sheffield wirft. Während sich Ryan nach seinem Wutanfall alleine auf die Suche nach dem Gefährt machen muss, begegnet er einem Lichtphänomen, das er „berührt“, woraufhin ein tropfenförmiges, badewannengroßes und mehr als kaltes Etwas zu Boden stürzt.

    Parallel wird der Zug, in dem seine Großeltern bereits nach Hause fahren und den Ryan verpasst hat, von einem weiteren, außerirdischen Etwas gestoppt, das einem fliegenden, großen Ball sich windender Schlangen ähnelt. Als drittes außerirdisches Wesen tritt schließlich die der Episode ihren Namen gebende Frau auf: sie kracht durch das Zugdach und hält den „Schlangenball“ einstweilen auf, „Who“-Fans erkennen ihre Bekleidung bereits als die des zwölften Doctors.

    Der 13. Doctor in der leicht zerrupften Kleidung der 12. Inkarnation

    Derweil hat Ryan die Polizei über sein Fundstück informiert. Dort nimmt man ihn anscheinend nicht ganz ernst, denn man schickt nur eine Nachwuchspolizistin aus, die die Zuschauer just zuvor noch einen Streit aufgebrachter Autobesitzer schlichten zu sehen bekamen. Die Staatsbedienstete stellt sich als eine frühere Mitschülerin von Ryan heraus, Yasmin „Yas“ Khan (Mandip Gill). Auch die nimmt ihren Einsatz zunächst nicht ernst, aber die Kälte des Objekts und die Tatsache, dass in der Nähe der Zug in einen Vorfall verwickelt wurde, überzeugen sie vom Gegenteil.

    Nachdem die außerirdische Frau den „Schlangenball“ vertreiben konnte – wobei sie ihren Sonic Screwdriver schmerzlich vermisst – kehren sie, Ryan, seine Großeltern und Yas schließlich zum Objekt im Wald zurück – nur um festzustellen, dass es zwischenzeitlich von jemandem abtransportiert wurde.

    Es entspannt sich eine Schnitzeljagd durch Sheffield, bei der der weibliche Alien – der sich schließlich daran erinnert, dass sie die Doctor ist – versucht, aus dem Auftreten der beiden augenscheinlich von weit entfernt extra auf die Erde gekommenen anderen Aliens einen Sinn zu erkennen.

    Parallel erfahren die Zuschauer auch mehr über die Begleiter. Ryans Mutter ist vor sechs Jahren verstorben, und da sein Vater eher wenig Interesse an der Familie hat, wuchs er bei der Großmutter auf. Die ist eine sehr patente Krankenschwester. In dem Job hat sie auch Graham kennengelernt, ihren zweiten Ehemann: Sie hatte ihn während einer Chemotherapie im Krankenhaus betreut. Während Graham, ein ehemaliger Busfahrer in Sheffield, den Krebs trotz dunkler Stunden einstweilen in die Schranken weisen konnte, fand er auch in der Liebe zu Grace wieder neues Licht in seinem Leben. Dabei ist Graham eher ein Kauz der alten Schule, der durchaus Stolz auf seine Arbeit als Busfahrer hat, da diese eben immer bestens informiert sind. Infolge seiner Minderwertigkeitsgefühle durch die Gleichgewichtsstörung, des Verlusts der Mutter und die Zurückweisung durch den Vater hat es Ryan in Sheffield – das vom Verfall der früheren Schwerindustrie gezeichnet ist – nach der Schule noch nicht weit gebracht, will aber seine Ausbildung fortsetzen und Facharbeiter werden.

    Weiterhin bekommen die Zuschauer in dieser Phase in einer charmant neckischen Art zu sehen, wie sich Frau Doctor aus den in einer Werkstatt herumliegenden Gerätschaften einen neuen Screwdriver baut – „eher ein Schweizer Taschenmesser, nur ohne das Messer … nur Idioten tragen Messer.“

    Tada: Die Doctor (Jodie Whittaker) hat einen neuen Sonic Screwdriver zusammengehämmert … und geschweißt und gelötet.

    Nachdem das Quintett durchschaut hat, was die Aliens auf der Erde wollen und warum sie nicht zum ersten Mal auf dem Planeten der Menschheit sind, beginnen sie, deren tödlichen Plan zu durchkreuzen – wobei es den Machern von „Doctor Who“ gelingt, mit recht einfachen Mitteln die Spannung hoch zu halten: Eine Verfolgungsjagd auf einer Baustelle und über zwei Kräne.

    Schließlich ist das Problem gelöst, wenn auch um den Preis eines Menschenlebens. Während die Gruppe noch trauert, bleibt weitere Zeit für Charaktermomente, bevor sich die Doctor schließlich aufmacht, nach ihrer verschwundenen TARDIS zu suchen, die sich im Umfeld der Regeneration selbständig gemacht hat. Erneut baut die Doctor aus irdischen Materialien ein Gerät – diesmal eins, das die Signatur der TARDIS aufspüren und den Timelord dorthin teleportieren kann. Aber es wäre nicht „Doctor Who“, wenn das ohne Überraschungen abgehen würde …

    Hinter dem Drahtzaun warten auf die fünf Abenteuer und Tragödie …

    New can be scary
    Mit „The Woman Who Fell to Earth“ schaffen die neuen „Doctor Who“-Macher, was sie sich als Ziel gesetzt haben: Einen guten Neueinstieg in das langlebige Franchise zu gestalten, der auf mehreren Ebenen inklusiv ist, einen Sense of Wonder schafft, eine in sich weitgehend abgeschlossene unterhaltsame Folge liefert (es handelt sich um den Staffelauftakt, ein kleiner Cliffhanger gehört da natürlich auch dazu) und die neue Inkarnation des Doctor zu etablieren, während die neuen Zuschauer behutsam an das Serienuniversum herangeführt werden, ohne dass dem Altfan auffallen würde, dass etwas fehlt.

    So geht die neue Doctor ausführlich auf ihre Regeneration ein und zeigt am Ende der Folge die bekannte Einsamkeit der Figur, die die ziemlich letzte ihrer Art ist, aber das verlorene Volk beständig im Herzen trägt. Dabei zeigt sich Whittaker gut aufgelegt im Part als weise Kreatur, die aber gerade in der Art eines zerstreuten Professors nicht auf alles Wissen zugreifen kann. Auch transportiert Whittaker das Gerechtigkeitsgefühl des Doctors in Ausführungen an die Aliens gut.


    Nicht nur der Time Lord ist neu, auch die Tatsache, dass die Figur nun nicht mehr vornehmlich von einem einzelnen Begleiter umgeben ist, ist frisch und ermöglicht es, weitere Figurenkonstellationen zu repräsentieren. War schon der zwölfte Doctor für Companion Billie (Pearl Mackie) ohne jeden romantischen Unterton ein Mentor, so deutet sich jetzt an, dass die Doctor und ihre Begleiter eine Art Familienverband bilden wird, in dem ein tiefes Verlustgefühl aber auch Dankbarkeit für das gemeinsam Erlebte das verbindende Element ist.

    Nicht nur der weibliche Doctor stellt eine moderne Weiterentwicklung der Figuren dar, auch die Nebenfiguren der Auftaktstaffel repräsentieren eine moderne Gesellschaft: Ryan als Schwarzer und Yas mit ihren asiatischen Wurzeln sind junge Mitglieder von Minderheiten in Großbritannien, die es in wirtschaftlich schweren Zeiten schwer haben, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, während Grace und Graham erstmalig in der „Neuzeit“ von „Who“ etwas Altersweisheit in die Riege der Begleiter bringen.

    Gerade Ryan mit seinen zusätzlichen Problemen dürfte eine Identifikationsfigur für die minderjährigen Zuschauer sein, da er vor jedem Schritt ins Unbekannte zusätzliche Ängste überwinden muss, dabei aber eben auch beispielhaft zeigt, dass sich Mut bezahlt macht.

    Ryan (Tosin Cole)

    Über allem schwebt aber das, was Doctor Who schon immer groß gemacht hat: Gute Unterhaltung mit einem Schuss Horror, einer Prise Humor und einer Botschaft. In der Auftaktfolge etwa hat die Rasse eines der Aliens es sich zur Angewohnheit gemacht, die Zähne seiner Opfer als Schmuck zu tragen. Auch in anderen Aspekten fungiert der Staffelauftakt als kritisches Lehrstück in Sachen „Jagd-Sport“, mit seinem Ungleichgewicht zwischen Jäger und Beute. Daneben bietet die Folge als recht deutlich platzierte Botschaft, dass man kein allwissendes Alien mit zwei Herzen sein muss, um eine besonderes Wesen zu sein, sondern dass es bereits reicht, sein menschliches Herz zu finden.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten Episode der elften Staffel von „Doctor Who“.

    Meine Wertung: 4/5


    © Alle Bilder: BBC

    Aktuell strahlen BBC one und BBC America die elfte Staffel von „Doctor Who“ in wöchentlichen Rhythmus aus. Wann die Serie durch den FOX Channel nach Deutschland kommt, ist noch nicht bekannt.

    Trailer zur zweiten Episode der elften Staffel von „Doctor Who“

    Ausblick auf weitere Gastdarsteller der elften Staffel

    08.10.2018, 14:15 Uhr – Bernd Krannich/ladyblackwoodconsulting.com

    Über den Autor

    Bernd Krannich
    Bernd Krannich ist Jahrgang 1974 und erhielt die Liebe zu Fernsehserien quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater war Fan früher Actionserien und technikbegeistert, Bernd verfiel den Serien spätestens mit Akte X, Das nächste Jahrhundert und Buffy. Mittlerweile verfolgt er das ganzes Serienspektrum von "The Americans" über "Arrow" bis "The Big Bang Theory". Seit 2007 schreibt Bernd beruflich über vornehmlich amerikanische Fernsehserien, seit 2014 in der Newsredaktion von ladyblackwoodconsulting.com.

    Lieblingsserien: Buffy – Im Bann der Dämonen, Frasier, Star Trek – Deep Space Nine

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • ttdriver am 09.10.2018 10:47 via tvforen.de

      Klingt vielversprechend. Hoffentlich bald auch bei uns zu sehen

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